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Als Volontärin mit dem Europäischen Solidaritäts Korps (ESC) ein Jahr in Tramonti, Süd-Italien (2019-2020)

Es begann im Frühjahr. Tramonti im Frühjahr ist wechselhaft: manchmal sonnig und warm, manchmal grün und blumig, manchmal gesellig und extrovertiert, manchmal jung und sprunghaft – manchmal aber auch regnerisch, grau und griesgrämig. Tramonti ist speziell, und speziell ist auch das Leben in Tramonti.

Tramonti gehört zum sehr unbekannten Teil der sehr bekannten Amalfi Küste in Süd-Italien, in der Nähe von Neapel und Salerno. „Tramonti“ („tra i monti“ – „zwischen den Bergen“ oder „jenseits der Berge“), liegt entlang eines Tales Richtung Küste und damit zwischen Meer und Bergen. Es bietet eine Vielfalt an wechselndem Mikroklima – es gibt die berühmten sonnigen und küstennahe gelegenen duftenden Zitronenhänge, die fast schon tropisch anmutenden humiden kleinen Seitentäler,  steile Berg-Gipfel die sich sogar zum Klettern eignen, immer ein wenig herbstlichen Wein-Gärten und auch die mediterranen Buschwälder. Die gesamte Amalfi-Küste war jahrhundertelang vom Rest der Welt verhältnismäßig abgeschnitten und weist dadurch  eine regional typische Artenvielfalt auf, sowohl in der Natur als auch in den Gärten und auf den Tellern (Agro-Biodiversität, zB Wein, Tomaten, Zitronen, Äpfel und mehr) und hat bis heute eigenen Traditionen aus Kulinarik und Gastronomie wie zum Beispiel eine traditionelle Pizza-Schule, typische Liköre, und traditionelles doppelt gebackenes Brot . 

Der dort ansässige Verein Acarbio setzt sich für nachhaltige Entwicklung und Erhalt und Pflege der Kultur-Landschaft an der Amalfi-Küste und der damit verbunden Natur und Traditionen ein. Unter diesem Motto werden unter anderem Aktivitäten mit jungen Leuten aus aller Welt rund um dieses Thema veranstaltet. Und genau darum ging es auch in dem Projekt „Green up your future“, an welchem ich für 12 Monate teilnehmen durfte. Die Charakteristik der Amalfi Küste ergibt sich aus der Terrassenlandschaft. Die Terrassen wurden vor rund 500-1000 Jahren hauptsächlich unter der Regie von Klöstern und Konventen angelegt, um Fläche für die Landwirtschaft zu gewinnen. Dabei entstand eine beeindruckende, aber auch wartungsintensive Infrastruktur aus Mauern, Wällen, Kanälen, Stiegen Zugängen, Brunnen und Zisternen. Diese Kultur-Landschaft, welche heute Teil des UNESCO Welt Kultur Erbes ist, ist aber  stark durch mangelnde Nutzung und Erhaltungsmaßnahmen von Verfall bedroht – und damit ist nicht nur das Landschaftsbild, sondern auch die Trockenstein-Mauern als Ökosystem, die Artenvielfalt, und die lokalen Traditionen, Lebensmittelproduktionen und Wissen gefährdet. 

Bei diesen verschiedenen Projekten arbeitete ich als Mitglied des Teams von Acarbio mit, vor allem mit jungen Leuten – mit den Schülern vor Ort und mit internationalen Teilnehmern in Jugendprojekten. Unter dem Stichwort Non-formal learning handelte es sich dabei meist um verschiedene Aktivitäten mit Kindern und jungen Menschen zu den Themen Umwelt- und Naturschutz, Kommunikation in Englisch und interkulturelles Lernen. Dabei war bereits von Bedeutung, dass oft viele Freiwillige oder Projekt-Teilnehmer aus aller Welt dabei waren. Beim Non-formal learning geht es vor allem auch um Spiel, Aktion und Beteiligung. Beispielsweise sprachen wir über Brot als Nahrungsmittel, Kulturgut und Umwelt-Einfluss – und dabei backten wir auch Brot ganz natürlich. Dadurch ergibt sich kein klassischer Unterricht, sondern eher eine Art ‚Exkursion‘. Ich war auch bei vielen Umwelt-Aktionen dabei: bei klassischen Beach Clean-ups und Clean-ups im Wald; und alte Sorten in der Landwirtschaft gepflegt und gefördert. Bei letzterem geht es beispielsweise um die Tomaten-Rarität „Re Fiascone“, für welche wir im Garten, hinter der Camera und am Computer waren. Weniger klassisch, aber umso spannender war auch das Bewerben, Pflegen und Dokumentieren lokaler Traditionen aus Lebensmittelproduktion, Tanz Musik und Kultur, und der Terrassen-angelegte Gemeinschaftsgärten. So gab es jeden Tag gab es etwas Neues zu entdecken. 

Aber was ist nach dem Frühjahr? Tramonti im Sommer ist immer unterwegs und beschäftigt, arbeitet viel und geht viel aus. Das betrifft nicht nur Tourismus und Landwirtschaft als hauptsächliche Wirtschafts-Sektoren der Amalfi Küste -auch wir hatten den Sommer voller Projekte und Aktivitäten. Tramonti im Herbst ist bunt und erntet. Beschäftigt wie der Sommer, aber die Temperaturen draußen sind niedriger. Und der Winter? Der Winter plant und repariert. Im Winter sprachen wir viel über das vergangene Jahr, dokumentierten, fassten zusammen, erstellen neue Pläne und schrieben Projekte für das nächste Jahr – und kochten viel gemeinsam. Denn nach der Ernte müssen die Früchte der Arbeit ja auch genossen und gefeiert werden!

Beim ESC wird viel von Solidarität gesprochen, von Solidarität als Handlung (quasi als Unterstützung), oder auch als Geisteshaltung (im Sinne von Toleranz). Auf Google findet man auch viel zum Thema gleichgesinnter Geisteshaltung. Das trifft jedenfalls alles zu und sind wichtige Grund-Voraussetzungen an dem Programm ESC teilzunehmen. Ich würde dazu noch dick unterstreichen, dass Solidarität neben einer Geisteshaltung auch eine emotionale Beziehung ist und vor allem dort entsteht, wo Menschen gemeinsam Momente erleben. Bei einem längeren Aufenthalt, so wie beim ESC, kann daraus dann auch eine sehr bunte Gemeinschaft wachsen. Dabei ist es auch gar nicht notwendig, dass man die gegenseitigen Reaktionen oder Ansätze wirklich immer nachvollziehen kann. Und das ist, mit mindestens einem zwinkerndem, einem weinenden und einem lachenden Auge betrachtet, manchmal wirklich nicht der Fall. Aber mit entsprechender Neugierde, Gelassenheit Humor funktioniert die Gemeinschaft trotzdem. Und das ist aber mit Sicherheit das beste Erlebnis an ESC, darum – dranbleiben! In diesem Sinne – wenn Du ein ESC Volontariat machen möchtest, wäre das auch mein großer Tipp für die Erfahrung – bleibe neugierig. 

Kornelia

Photo by Kornelia Krammsal

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